Aller guten Dinge sind zwei: Am 27. März 2025 erhielt ich zum zweiten Mal die Gelegenheit, am Roundtable „Personalberatung/Executive Search“ teilzunehmen. Das vom HR-Fachmagazin „Personalwirtschaft“ (F.A.Z. Verlag) veranstaltete Diskussionsformat war thematisch nicht ganz so breit angelegt wie im Vorjahr: Es ging unter anderem um die schwächelnde Wirtschaft und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Personaldienstleistungsbranche. Und natürlich durfte das Dauerbrenner-Thema Künstliche Intelligenz nicht fehlen. Welche Erkenntnisse habe ich von der Veranstaltung mitgenommen? Auch in unserer Branche entsteht Anpassungsdruck. Für mich bedeutet das: Wenn Technologie immer mehr Prozesse unterstützt, wird der Mensch als Vertrauensfaktor zunehmend wichtiger – eine große Chance für uns Personaldienstleister.
Während ich mich bei meiner ersten Teilnahme im Vorjahr noch als Exot am runden Tisch fühlte, gewann ich nun den Eindruck, dass nicht nur das Thema Interim Management bei den Anwesenden präsenter war, sondern auch, dass sich die Personaldienstleistungsbranche allgemein verändert. Was gut und wichtig ist, denn ich persönlich bin immer stärker davon überzeugt, dass es nur eine Konstante gibt: die stetige Veränderung. Dies zeigt schon die Besetzung des Roundtables, die sich vom Vorjahr unterschied. Mit mir am Tisch saßen Bina Brünjes (Hays AG), Caroline Gellrich-van Brakel (Page Executive) Dr. Michael Faller (Baumann Unternehmensberatung AG) und Dr. Thomas K. Heiden (Heiden Associates). Es waren neben Personalberatern und Profis für Executive Search also auch Experten dabei, die auf die Besetzung von Vorständen und auf Outplacement spezialisiert sind. Allein die Zusammenstellung der Teilnehmenden ist für mich ein Beleg dafür, dass sich die Branche verändert und durchlässiger wird.
Wirtschaftlich unsichere Lage drückt die Nachfrage
Verändert hat sich auch die Nachfragesituation. Was für die Interim-Management-Branche gilt, ist auch im Executive-Search-Markt zu spüren: Die wirtschaftlich schwierige Lage – sowohl national wie international – führt dazu, dass die Unternehmen sehr gründlich eruieren, ob sie momentan nach fehlenden Führungskräften suchen lassen. Insbesondere die Strukturkrise im Automotive-Markt wirke sich negativ aus, während es im Bereich Pharma und für strategische Transformationsprojekte viele gute Anfragen gebe. Diese Berichte decken sich weitestgehend mit den Ergebnissen unseres letzten Trendbarometers. Was also passiert, wenn immer mehr hochkarätige Führungskräfte verfügbar sind? Den Aussagen meiner Mitdiskutanten nach strebten einerseits viele nach einem Posten als Beirat – auch wir sehen im Interim Management einen verstärkten Zulauf. Andererseits werde die Luft für „Low Performer“ zunehmend dünner. Es war die Rede von enorm kostspieligen Abfindungen, die die großen DAX-Konzerne momentan bezahlen (müssen), um Personal freizusetzen. Allesamt Entwicklungen, die zeigen, wie dynamisch sich gerade alles verändert. Ich gewinne immer stärker den Eindruck, dass innerhalb der Wirtschaft mehr denn je viele Dinge strukturell in Frage gestellt werden – auch im mittleren und oberen Management.
Tilo Ferrari diskutiert mit den anderen Teilnehmenden am runden Tisch. (© Bernd Roselieb)
Wir müssen das Potenzial von Babyboomern und der Erbengeneration nutzen!
Erstaunlicherweise war ich der Einzige, der dies so klar formulierte: Nichts bleibt beim Alten. Ganz im Gegenteil: Die Geschwindigkeit aller gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozesse wird immer höher. Doch neben dem demografischen Wandel erachte ich die Erbengeneration als einen wesentlichen Treiber. Im oberen Drittel der Demografie-Glocke befinden sich die Babyboomer, die in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausgeschieden sein werden. Doch das ist für mich nur die halbe Wahrheit. Denn es gibt durchaus Menschen im Rentenalter, die sich fit fühlen und sich beruflich engagieren möchten. Doch sie stehen vielerorts ungewollt auf dem Abstellgleis.
Wer hingegen auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist, sind jüngere Menschen. Manche von ihnen sind jedoch finanziell derart gut aufgestellt, dass sie sich entscheiden können, nicht zu arbeiten. Für die zur Erbengemeinschaft Zugehörigen geht es ganz zentral um die Frage nach dem Sinn – beruflich wie privat und gesellschaftlich. Was also ist zu tun? Um gut situierte junge Menschen für eine berufliche Teilhabe zu gewinnen, wären wir einerseits gut beraten, den Sinn hinter Jobs und deren gesellschaftliche Mehrwerte stärker herauszuarbeiten. Andererseits gilt es, den Arbeitsmarkt insbesondere im Senior-Management-Bereich fluider und resilienter zu machen. Ich bin der Meinung: Nur, wenn es uns gelingt, beide Personengruppen am Arbeitsleben teilhaben zu lassen, werden wir überhaupt eine Chance haben, den Fach- und Führungskräftemangel zu bewältigen. Mit unserem Konzept der Connected Workforce sind wir bereit, all jene Unternehmen zu unterstützen, die fachliche Lücken füllen möchten – temporär, aber auch dauerhaft.
Der Mensch wird als vertrauenswürdiger Berater zunehmend wichtiger
Spannend war auch die Frage, welche Rolle künstliche Intelligenz bei all dem spielen kann – und spielen wird. Für mich persönlich geht es nicht darum, ob KI die Beraterbranche „game over“ setzt oder das „nächste Level“ einleitet (Motto des BDU Beratertags im November 2025 wird lauten „Personalberatung 2030 – Game over oder next level?“). Ich sehe es so, dass KI bereits den Status als „built in“ erreicht hat. KI ist in vielen Lösungen, die in unserer Branche tagtäglich zum Einsatz kommen, ganz selbstverständlich enthalten. Auch wir bei der Deutschen Interim AG haben unseren Matchmaker, über den Unternehmensvertreter unsere Datenbank nach passenden Fach- und Führungskräften durchsuchen können, um eine KI-Komponente erweitert. Doch macht künstliche Intelligenz uns als Personaldienstleister überflüssig? Keinesfalls! Wenn KI den CV erstellt und den Bewerbungsprozess automatisiert, wird der Mensch als „Trusted Advisor“ immer wichtiger. Es ist der Berater, der mit gesundem Menschenverstand überprüft, ob die Lebensläufe der Kandidatinnen und Kandidaten nicht das Ergebnis einer maschinellen Halluzination sind.
Der Jobmarkt muss durchlässiger werden
Dementsprechend teile ich nicht die Meinung eines Teilnehmers, dass die EU-Regulierung die Fortschritte im Bereich KI zerstören wird. Ich erachte unsere strengen Datenschutzbestimmungen viel mehr als hohes Gut, das unsere sozialen Werte sichert und einem Macht-Missbrauch durch Tech-Oligarchen wirkungsvoll vorbeugen kann. Vielleicht führen die technologische Entwicklung einerseits und die gesellschaftlich-demografischen Veränderungen andererseits dazu, dass der Jobmarkt im Ganzen durchlässiger wird – also weg von der klassischen Festanstellung, hin zu einer flexiblen und kompetenzbasierten Art der Zusammenarbeit. Ich würde solch eine Entwicklung begrüßen. Mal sehen, ob ich nächstes Jahr erneut beim Roundtable dabei sein werde und von Fortschritten berichten kann.
Sie möchten mehr über die Connected Workforce erfahren? In unserer gleichnamigen Broschüre erhalten Sie einen kompakten Überblick.
Copyright: Bernd Roselieb